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Brunner lebt

Wanderer entdeckten ihn am Sonntagmorgen im Schlick vor der ostfriesischen Insel Spiekeroog, fast zehn Kilometer entfernt vom Festland. Wie er dort hingelangt war? Wahrscheinlich mit dem Mofa, auf das er, hüfttief im Schlamm steckend, mit einem großformatigen Schraubenschlüssel eindrosch und lauthals johlend nach “noch mehr Waldmeisterbowle” verlangte.

Erste Bergungsversuche durch die herbeigerufenen Sanitäter scheiterten am Widerstand Brunners, der diese, Schlick und Schlammwasser schleudernd, auf Distanz hielt, wozu er sich angeblich auch eines bepudelmützten Stahlhelms bediente. Und so bedurfte es des unerschrockenen Inseltierarztes Hayduck Hoffrogge, der Brunner am späten Vormittag mit einem Betäubungspfeil ruhigstellte.

Seit Nachmittag befindet er sich auf der Nachbarinsel Norderney und soll im dortigen Hospital erst einmal ausschlafen.

25 km/h (6)

Auf die Sekunde genau sind Bölthorn, der Schüttlers Rudi und die anderen in Polen eingefallen und stehen seit 5.45 Uhr an der ersten Tankstelle nach dem Grenzübergang und warten, dass der Scheißladen endlich aufmacht.

Heute – zum 70. Jubeltag des Kriegsbeginns – wird getankt bis zum Umfallen. In mehreren Staffeln werden die Sturmtruppen der Natur Pfreunde Düsseldorf an- und abfahren und so Zug um Zug die Tankstelle austrocknen, bis der letzte Tropfen postbolschewikischen Treibstoffs in deutschen Tanks versenkt worden ist. Schlecht sieht es nur beim Gemisch aus: Brunner mit seinem Mofa ist nach wie vor wie vom Erdboden verschluckt.

In Frontberichten um zehn, zwölf und sechzehn Uhr wird das Propagandakommando hier und heute über die Lage haarklein berichten. Zumindest hat man es so vor.

10.00 Uhr.
Die Operation läuft vorbildlich. Bis jetzt gelang es nur zwei Treckern und einem russischen LKW mit Schlachtabfällen aus Nordspanien sich in die Autoschlange der Natur Pfreunde zu drängeln. Herausragend präpariert: Prof. Gert-Gunnar Bölthorn, dessen dschungelmetalic lackiertes Sports Utility Vehikel allein beim Starten des Motors 19 Liter Super verbraucht.

Den Vogel aber schießt der Distelmeiers Jochen ab, der zusätzlich mit einem extragroßen Hänger dabei ist, der sechs Dutzend Spritkanister fasst. Da dauert das Betanken natürlich einige Zeit, die der Distelmeiers Jochen als Frühpensionär bei der Post aber auch hat. Von Brunner nach wie vor keine Spur.

12.00 Uhr.
Mittagspause.

16.00 Uhr.
Der Schüttlers Rudi ist tot. Eventuell. Jedenfalls hängt er wie geschossen hinter seinem Lenkrad.

17.04 Uhr.
Im Osten nichts Neues bis auf eine etwa 70 Meter hohe Feuersäule, die vor wenigen Minuten in den Nachmittagshimmel schoss.

19.45 Uhr.
Endlich Feierabend. Der Schüttlers Rudi ist doch nicht tot, sondern nur voll: Waldmeisterbowle, halbvergoren, die wahrscheinlich schon Brunner zum Verhängnis geworden ist. Einen Unfall gab es trotzdem, als der Distelmeiers Jochen in einer unübersichtlichen Kurve zwischen Stobno und Skarbimierzyce wenden wollte und dabei den Anhänger umwarf, der wiederum kurzen Prozess mit dem Autoheck machte, bevor er explodierte.

Nur zwei von 72 randvoll betankten Spritkanistern konnten gerettet werden und fahren jetzt mit den Natur Pfreunden Düsseldorf auf einen nicht näher beschriebenen Zeltplatz im Landkreis Uecker-Randow, wo sich das Pack beim Fischen mit Handgranaten vom Einatmen hochgiftiger Diesel- und Benzindämpfe erholen will.

25 km/h (5)

Alle sind sie da vom strategischen Führungshauptquartier unter der Buche am Ortseingang: der Herr Alfred, der Schüttlers Rudi, der heimliche Parteivorsitzende Prof. Dr. Gert-Gunnar Bölthorn, sein Juniorpartner, Dr. Giselher Alviss, und noch ein paar Vögel in paramilitärischer Freizeitkleidung.

Grambow im Landkreis Uecker-Randow, letzte Station vor dem Grenzübertritt nach Polen, ist, wenn man so will, pünktlich zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns fest in der Hand der Natur Pfreunde Düsseldorf. Nur von Brunner keine Spur.

25 km/h (4)

Mit einer Energieleistung sondergleichen hat Brunner auf dem Mofa wieder Boden gut gemacht. Gestern in den frühen Abendstunden ließ er Weimar hinter sich und fuhr bei Apolda über die Straßenbegrenzung hinaus in eine Ligusterhecke.