Anousch Oz für nullzu10: Leben ohne Gott – Fußball nach Zidane (Und nun ein bisschen mit Özil, Müller und Co.)

Ich gestehe, ich konnte nicht von dieser Pathos heischenden Überschrift lassen. Wie auch, mein Boss Schoss verlangte von mir nicht weniger als die Niederschrift eines “Jahrhundertwerks”. Und das bereits vor drei Wochen!

Da wären die nachfolgenden Gedanken noch von bestechender Ahndungsfülle gewesen. Unterdessen ist die Geschichte über meine retrospektive Prophetie hinweggeschossen wie ein Ball beim Freistoss. Mit jedem Tor ändert sich das Weltgefüge ein wenig. Das hätte ich bedenken müssen. Aber ich war zu faul und hatte PMS. Mir kommt es daher ziemlich überholt vor, etwas über Zinédine Zidane zu schreiben, wo Fußball in der Zwischenzeit dank der deutschen Nationalmannschaft zu einem kraftvollen Tanz mit clownesken Einlagen geworden ist. Und doch: Es geht auch um die Aufarbeitung eines Traumas, das in der 110. Spielminute am 9. Juli 2006 ausgelöst wurde. Und das kam so:

Als Zinédine Zidane seinen schönen Schädel in die jämmerliche Brust Materazzis rammte, war das auch der Todesstoß für den Fußball als transzendenter Entäußerung. Fußball war seit dem Gang des geschlagenen Kriegers in die Katakomben des Olympiastadions ein anderer. Ihm fehlte seither eine Lichtgestalt, ein Phaeton, mehr noch: die Spiritualität. Der Kopfstoss selbst war natürlich sehr nötig gewesen. Dass aber die Italiener wenig später mit herunter gelassenen Trikothosen den Pokal entweihen konnten, war eine zutiefst tragisch-traumatisierende Kausalität.

Jedes Trauma hinterlässt seine Spuren in Körper und Seele. Es gibt eine Erinnerungsfähigkeit von Nerven- und Bindegewebe, so als würde das schmerzhafte Geschehen gleichsam kodiert. Jeder Trigger kann folglich eine Kaskade von kaum zu kontrollierenden pathophysiologischen Prozessen in Gang setzen, die das Vegetativum an seine Grenzen bringt. Was bleibt ist die Erschöpfung. Und genau das war der Zustand des internationalen Fußballs seit dem fatalen Moment vor vier Jahren.

Dass Zidanes Abgang mit dem Titelgewinn Italiens zusammenfiel, habe ich den Drehbuchschreibern immer verübelt. Auch wenn es stark von der Dramaturgie antiker Werke abgekupfert schien: Dort göttliche Größe, da menschliche Peinlichkeit. Andererseits musste man die geradezu zwanghafte Logik dieser Tragödie anerkennen. Ohnehin war, wo Zidane den Ball am Fuß hatte, der Umschlag ins Düstere nie weit. Zidane hat auf dem Spielfeld verwirklicht, was Theoretiker des Erhabenen in der Literatur schon lange ausgemacht haben; nämlich, dass das “Erhabene, die Schönheit des Natürlichen ständig in ein finsteres Prinzip der Gewalt umschlägt.” (Wolfgang Matz)

Es gibt eine ganz und gar außergewöhnliche Dokumentation, die Zidane fast lautlos während eines Spieles filmt. Auch hier “am Ende dann der jähe Umschlag des mönchischen Zidane in den thymotischen Zidane: Gerangel, Ausraster, rote Karte. Wenn der alte Gott vom Spielfeld ging, drehte sich die Welt nur noch in Zeitlupe.” Zidane hat sich mit seinem entgrenzenden Spiel gleichsam in das Derridasche “archives du mal” eingeschrieben, in dem sich “im Verlangen nach dem Archiv, die Erwartung ohne Erwartungshorizont, die absolute Ungeduld eines Wunsches nach Gedächtnis erhebt.” Nein, dass werden wir nicht vergessen.

Zizou war der Schamane des Fußballs. Ich habe ihn geliebt. Und nun?

Es wäre vermessen, die deutschen Kids um Özil und Müller mit dem Einen und Einzigen zu vergleichen. Aber man ahnt schon hier und da die Fährnisse des Genialischen. Denn dass Thomas Müller fürs Halbfinale gesperrt ist, umweht ihn sehr sanft zwar, aber dennoch mit einer Aura des Tragischen.

Und wenn wir nun schon seit Jahren auf die geistige Erneuerung des Fußballs warten müssen, so haben wir doch jetzt ein Trüppchen hochbegabter Jungs, das eines ziemlich gut kann: die Zuschauer verzaubern. Zaubererei mag ein bisschen billiger als Spiritualität sein, aber sie macht auch ein bisschen mehr Spaß.

Ich finde, 20 Jahre nach Rom ist es mal wieder an der Zeit.

 
Anousch Oz, 30, wollte mit 10 Lothar Matthäus heiraten, mit 20 Zinedine Zidane und ist inzwischen glücklich verliebt. Macht eine Ausbildung zur Heilpraktikerin.

 

 

 
Noch mehr Fußball: Bei Herrn Fitz und in der Tippbude von Fitz & Schoss.

14 Kommentare zu “Anousch Oz für nullzu10: Leben ohne Gott – Fußball nach Zidane (Und nun ein bisschen mit Özil, Müller und Co.)”


  1. 1Benedetto

    Fast genau so schlimm: Zidane in Asterix bei den olympischen Spielen.

  2. 2Silvia von Schweden

    Fan också! Heute können Sie aber oft, Herr Schoss!

  3. 3sanitätsratsvorsitzender

    in loddar verliebt zu sein ist heilbar.ich habe gute medikamente. nicht ohne nebenwirkungen. aber keine ist so schlimm wie loddar. gegen fusspilz, durchfall und ausschlag kann man ja mittlerweile auch was machen.

  4. 4Erdge Schoss

    Auch Götter, werter Herr Benedetto, können irren.

    Danken Sie nicht mir, liebe Frau von Schweden, danken Sie Fräulein Anousch.

    Waren Sie, werter Herr Sanitätsrat, im zarten Alter von zehn nicht verliebt?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  5. 5sanitätsratsvorsitzender

    lieber herr schoss,

    aber natürlich. in dieter bohlen und andy möller. und zwar gleichzeitig. damals beschloss ich sanitätsrat zu werden, um günstiger an die medikation zu kommen.

  6. In Wirklichkeit war das damals nämlich so (siehe Anmerkung): http://is.gd/diJMV

  7. 7Erdge Schoss

    Die Wege des Herrn, werter Herr Sanitätsrat, sind unergründlich. Und die Approbation gab’s beim “Spitz pass auf”?

    Sex und Geist, liebes Fräulein Anousch, und das Marienstandbild in Kalabrien. Fehlt nur noch ein 7:2 heute Abend, und die Welt dreht sich doppelt so schnell.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  8. Eine göttliche Exegese.

  9. Ich fand den Italiener 2006 auch doof. Dieses Jahr etwas weniger. Ist ja auch nicht Weltmeister geworden.

  10. 10textorama

    Geschätzter Herr Schoss.

    Eine Apotheose des Fußballs? Mong Diö. Rund wie die Welt? Nein, das bleibt den Knödel vorbehalten. Wie in den Kommentaren mit Frau von Welt abgehandelt: http://erdgeschossrechts.de/?p=1510

    Ab ins Olymp.
    Ihr textorama

  11. 11oliver

    herr zidane hat mich fasziniert, wie wenige vor ihm. nicht mal hacki wimmer hat das erreicht. und für den kopfstoss habe ich ihn gehasst. seinerzeit weilte ich im schönen paris und habe mit schätzungsweise zehn millionen franzosen getrauert. imho war italien damals der unwürdigste weltmeister seit langem. aber was wäre der fussball ohne diese geschichten …

  12. 5:3?
    knapp daneben.
    ich mein, ist ja so ähnlich wie 0:1.

    gruß,
    500

  13. 13Erdge Schoss

    Aber, werter Herr 37, so was von.

    Und wohin, werter Herr Inishmore, wenn Sie mir die Frage gestatten, fahren Sie zur Sommerfrische?

    Olymp hin oder, werter Herr textorama, wahrscheinlich wissen Sie’s besser als ich, wie relativ rund ist.

    Hauptsache, werter Herr Oliver, Holland wird jetzt Weltmeister.

    Knapp daneben, werter Herr Sugar, und trotzdem drin. Alles auf Holland!

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  14. 14textorama

    Ah, Herr Schoss, Sie sind nicht nur ein Kosmopolit sondern auch noch weise.

    Chapeau.
    Voller Achtung,
    Ihr textorama

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