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Und blickten aufs Meer

Unlängst besuchte ich Großvater Schoss, der im Frühjahr seinen 91. Geburtstag feierte. Das Laub fiel von den Bäumen vor dem Haus und wir saßen auf der Veranda und blickten aufs Meer.

Seit fünf Jahren lebt er mit ein paar Senioren in einer Villa an der Ostseeküste, gärtnert, wenn er Lust hat, und fühlt sich jung dank Valentina, einer zierlichen Dame, die geboren wurde, als er seinen ersten Schultag hatte. “Erdge”, sagte er und inhalierte tief den Rauch seiner Hanfzigarette, “jetzt ist Herbst und bald Winter. Mir macht die Kälte nichts, solange das Feuer noch brennt.”

Wandern, wandern. Wandern solln die andern.

Erdge Schoss, erdgeschosrechts: Schoss spaziert Den Berg hinauf, damit man ihn wieder runterwackelt. Wozu der Scheiß, wenn man gleich unten bleiben kann, ein schönes Restaurant gefunden hat und sich bei Weitblick schön einen reinleuchtet?

Die Kräfte eines Menschenlebens sind begrenzt. Mit mittlerweile Jahren an der Zahl weiß ich, was das heißt. Mut zur Langsamkeit. Und nicht jedem Mist hinterherrennen, nur weil es Reklame dazu gibt.

Ich würde mir eher die Hände abhacken als Schlaufen von Skistöcken darum zu wickeln und mit Plastikstäbchen über den Asphalt zu klackern. Wie das schon aussieht! Sehen diese Deppen sich nicht im Spiegel?

Was nicht den außerordentlichen Respekt vor dem Finnen schmälert, der seine Firma mit dieser fantastischen Idee vor der Insolvenz rettete, aus der Not eine Tugend machte und Legionen durchgeknallter Mobilitätspsychopathen neuen Antrieb verlieh. Wobei auffällig viele Demenzkandidaten zu den lächerlichen Geräten greifen. Zufall oder nicht?

Und die Garderobe. Wer nicht in und mit qua Markendiktat diktierten Leibchen, Hosen, Schuhen, Stirnbändern und Leistungskontrolluhren durch die Gegend eiert, ist gleich unten durch, wird mitleidig belächelt oder offen verhöhnt. Tchibo-Fasern über der schweißnassen Plautze und auch noch entdeckt werden, schlimmer geht’s nicht? Doch, denn bei Aldi und Lidl gibt’s denselben Fummel noch billiger.

Wenn ich aufs Rhönrad steige, was selten genug vorkommt, dann in Bernemer Halblangen in lichtgrau (vormals schwarz), Erbstücke von Großvater Schoss, und trotz jahrzehntelanger Tortur in Waschmaschinen immer noch tiptop. Dazu ein Langarmunterhemd aus Eins-A-Feinripp und Stoffturnschuhe in schwarz oder weiß ohne Edelmarkenetikett. Und dann einfach losrollen. Klappt.

Damals, als Schafe noch auf Bäumen grasten (2)

Es gab eine Zeit, in der ich noch nicht im erdgeschossrechts wohnte, sondern in einem Schloss. Mit einer wunderschönen Frau. Bis dahin war es ein weiter Weg gewesen, weswegen ich ein wenig ausholen muss. Ich fahre fort mit meiner Jugend.

Uns lehrte nicht die Schule, sondern Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Sowie unsere Mutter, die aus Liebe zu meinem Vater auf ein entbehrungsreiches Leben in Nobelpreiskreisen verzichtete, um hinter ihm in einem quadratischen Mopedanhänger mit aufmontiertem Wellblechhaus durch die Lande zu knattern.

Es kam der Tag, an dem meiner Schwester und mir der Anhänger zu klein wurde. Zuerst ging Oberge, die in Südfrankreich ihr Glück fand, einen vorgeblichen Grafen heiratete und bald ein Hotel übernahm. Sie schenkte ihm zwölf Kinder und gewinnt noch immer jeden Schönheitswettbewerb.

Ein Jahr später ging ich. Und war geblendet, vor allem vom Licht, da unser Haus keine Fenster besaß.

Damals, als Schafe noch auf Bäumen grasten

Es gab eine Zeit, in der ich noch nicht im erdgeschossrechts wohnte, sondern in einem Schloss. Mit einer wunderschönen Frau. Bis dahin war es ein weiter Weg gewesen, weswegen ich ein wenig ausholen muss. Ich beginne mit meiner Kindheit.

Wir waren arm. Wir waren bitterarm. Wir waren so bitterarm, dass wir uns kein Haus leisten konnten. Nicht einmal eine Wohnung. Aber mein Vater war reich genug, um sich ein Moped zu leisten. Und einen Anhänger, in dem meine Mutter, meine Schwester und ich standen. Denn es war ein kleiner Anhänger. Rund herum verkleidet mit Wellblech, das uns im Sommer Wärme spendete und Kälte im Winter.

So zogen wir durch die Lande, da mein Vater ein fleißiger Monteur war, der im Süden und im Norden, im Westen und im Osten Arbeit suchte, die oft schon längst woanders war, wenn wir ankamen. Vater klagte nie. Bei Wind und Wetter, Schnee und Regen saß er vorn zum Knattern des Motors, wenn wir wieder Benzin hatten.

Wir schliefen im Stehen und standen im Kochtopf. Meistens gab es Suppe, für Geschnetzeltes hatten wir kein Geld. Die Natur schenkte uns grüne Kräuter am Wegesrand und manchmal Beeren, wenn im Wald der Sprit ausging.

Hanf (bis in die Kniekehlen)

Für ein paar Tage weilte ich an der Ostküste, um Großvater zu besuchen. Er lebt dort mit einigen anderen Senioren in einer Villa unweit des Meers und wird bald 90.

Auf der faulen Haut liegt dort niemand (pausenlos), alle Damen und Herren sind Direktor von irgendwas. Opa Schoss hat den grünen Daumen, weswegen er den Gartengott gibt. Er baut Obst und Gemüse an und im vergangenen Jahr erstmals Hanf. Mit dem Ergebnis ist er zufrieden, sein Hood auch. “Erdge”, sagte er und inhalierte bis in die Kniekehlen, “das wird ein herrliches Gartenjahr.”

Meinem Nachbarn Walter Serge erzähle ich davon nichts. Er ist nach wie vor Inhaber einer verlotterten Parzelle vor den Toren der Stadt, die er für 25 Jahre gepachtet hat. Dort steht das Gras brusthoch, wenn er sitzt, und alles, was nicht metertief im Boden wurzelt, vertrocknet vor sich hin.

Walter Serge wollte nach Wasser graben, ließ das dann aber, weil er ab dem Mittelteil keinen Bock mehr hatte. Für Gäste gibt es einen zweiten Stuhl. Aber besucht hat ihn schon lange keiner mehr. Und das Tor soll vorgestern vom verrosteten Zaun gefallen sein.

Stiftung Wagentest: Schoss gibt Gummi (Berlin)

Dank meiner guten Verbindungen in das Land, wo die gusseisernen Heißmangeln wohnen, war es nur eine Frage der Zeit, bis der Geist von Václav Laurins Halbbruder Pavel Großvater Schoss im Traum erschien.

Was kein Zufall war, hätten die beiden einst doch um ein Haar eine Aluminiumfabrik für transparente Hammerschlagbleche in der Bretagne hochgezogen, was in den Wirren zwischen den Kriegen … Prompt stand eines Morgens ein Yeti vor meiner Tür. Statt Füßen hatte er Räder. Vier an der Zahl. Lenkrad dazugezählt: fünf. Geschmiedet in tschechischen Manufakturen mit Motor, und Sitzen aus Stoff, aber bequem, wie ich auf der Fahrt nach Berlin schon im ersten Stau bei Bad Homburg merkte.

Auch während der zweistündigen Autobahnvollsperrung wenig später kurz vor dem deutsch-deutschen Grenzübergang a. D. machte der Sitz eine gute Figur. Wie es auf den anderen Plätzen bestellt war, kann ich nicht sagen, da ich nicht mehr als einen Platz brauchte und allein schon aus Lenkungsgründen vorn links sitzen musste.


Ein Bild von einem Kofferraum: Zwei Flaschen dazu, warum nicht?

In Berlin passte der Schlitten gleich in die erstbeste Parklücke – und das, obwohl er deutlich größer als beispielsweise kleinere Wagen ist. Schade nur, dass er nicht auch noch den Koffer zum Hotel brachte. Das durfte dafür ich tun und kugelte mir dabei fast die Schulter aus wegen der mitgeführten Weinflaschen. Was ich mir hätte sparen können, da es auf meinem Zimmer keine Minibar und schon gar keinen Kühlschrank gab.

Was Folgen hatte …