Archiv für die 'Raouls Welt' Kategorie

Fett ist ein Stück Lebenskraft (2)

Dass Raoul die Werbeagentur verließ, um künftig gelierte Zuckerabfälle als lifestyle-kompatible Gesundheitsnahrung zu verkaufen, sah Raouls Chef mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Lachend, weil er einen Schmarotzer von der Gehaltsliste tilgen konnte, der seit den Hammerkampagnen zwischen 2008 und 10 nichts mehr gerissen hatte und sich mittlerweile in einem Zustand fortgeschrittener Verwesung bei vollem Lohnausgleich befand.

Weinend, weil ihn jenseits des branchenüblichen Gehässigkeit Mitgefühl mit dem neuen Arbeitgeber packte, da von einer intellektuellen Luftpumpe wie Raoul, die in gerade einmal zwei Jahren ihr mutmaßlich komplettes Lebenskreativitätspotential ausschöpfte, nicht mehr als nichts zu erwarten war.

Was, und das versöhnte ihn wieder, eben branchentypisch war und wahrscheinlich für ein paar Jahre oder mehr nicht auffallen würde in Gesellschaft selbstbespiegelnder Flachwassersegler, die sich aufgrund herausragender Fähigkeiten im Binden von Seidenkrawatten und Gelen modischer Frisuren für das Zentrum des Universums halten.

Fett ist ein Stück Lebenskraft

Bei einer Tagung der Lebensmittelbranche im Palais auf der Berliner Museumsinsel stellten Vertreter der Lebensmittelbranche fest, dass die Lebensmittelbranche von der Öffentlichkeit falsch verstanden wird.

Da das so nicht weitergehen kann, taten die versammelten Lobbyisten aus Wirtschaft, Politik, Gewerkschaften und Marktforschung das, was jeder gute Deutsche in dieser Situation getan hätte: sie gründeten einen Verein.

Der heißt “Die Lebensmittelwirtschaft” und soll deutlicher herauskonturieren, wie gesund Zucker und Zusatzstoffe sind, dass Schlachtabfälle schmecken, Fett ein Stück Lebenskraft und Wasser in industriell aufgespritztem Fleisch und Fleischimitat noch gesünder ist.

Und wer rückt in den Pressestab des Vereins? Mein alter Bekannter Raoul, dem in Fachkreisen ein Ruf wie Donnerhall vorausgeht seit einer Serie spektakulärer Reklamekampagnen, die die Werbewelt erschütterte.

Heckflossenbenz (5)

Nach dem dümmsten Autounfall der Menschheitsgeschichte hatte Roger tatsächlich die Chuzpe gehabt, seinen bei Höchstgeschwindigkeit vom Hänger gefallenen Heckflossenbenz erneut in die Werkstatt zu bringen. Und es dauerte nur ein paar Wochen, bis das eben noch maximalderangierte Mobil wieder in alter Schönheit erstrahlte.

Der Spaß kostete eine ordentliche Stange Geld, doch das hatte Roger, nachdem er seinen ahnungslosen Großvater um die Altersvorsorge gebracht hatte. Nichtsdestotrotz zog es ihn euphorisch wieder hinaus in die Welt, derweil der Autoreparateur unter Tränen seine Werkstatt bis in Höhe der Fensterbänke abdichten und mit Schaumwein volllaufen ließ, weil er soeben den Idiot des Jahrtausends ausgenommen hatte.

Und selbst eingedenk dieses Malheurs hätte alles gut werden können, hätte Roger die Sichteinschränkungen ernst genommen, die ein Glasauge so mit sich bringt. Was er nicht tat und deshalb bei einer Rechtskurve den kompletten Bestand der am Straßenrand angeordneten Fahrzeuge in Mitleidenschaft zog. Sein Glück vervollständigten knapp drei Dutzend Zeugen, die ihn mit flatternden Radkappen davonbrausen sahen.

Heckflossenbenz (4)

Matze rollte nach nicht mal einer dreiviertel Stunde an. Roger erkannte ihn sofort am himmelwärts zeigenden Fernlicht seines Kombis. Im Schlepptau: ein Fahrzeuganhänger. Trotz aller Katastrophen schien diese Nacht auf der gottverlassenen Landstraße doch noch ein gutes Ende zu nehmen.

Während Roger seine Hände über die Mulden und Hügel der rechtsverbeulten Karosserie streichen ließ, kurbelte Matze den Benz auf den Anhänger. “Wird schon wieder”, versuchte er Roger zu beruhigen, der erst wirklich ruhiger wurde, als Matze die Flasche mit Kaufhauswhisky rüberreichte. Roger setzte an und ließ laufen. Dann ging es besser.

Dazu gab es Brachialrock aus Matzes Soundsystem. Und wieder Kaufhauswhisky, was sie grölen und kopfschütteln ließ wie damals, als beide noch Brachialrockhaartrachten ihr Eigen nannten. Rock, Rock, Rock’n'Roll.

Und alles hätte gut werden können, hätte Matzes Kombi nicht plötzlich einen unmotivierten Satz nach vorn gemacht, der so unmotiviert gar nicht war. Was Matze und Roger erst gar nicht verstanden, dann aber um so mehr, als sie nach hinten schauten und den Heckflossenbenz auf der Landstraße liegen sahen, Beifahrerseite gen Nachthimmel.

Weil keiner daran gedacht hatte, das gute Stück auf dem Anhänger zu sichern.

Heckflossenbenz (3)

Roger war ein Meister in Backgammon. Was er allerdings nicht konnte, war Auto fahren

Aber Musik, cool, laut und tanzbar, Musik hören, konnte Roger sehr gut. Und damit das nicht nur vor seiner Heimstereoausrüstung geschah, sondern auch andernorts, spendierte er seinem abgöttisch geliebten Heckflossenbenz ein paar prächtige Boxen.

Die drapierte er so, dass der Sound gleichermaßen in Ohren wie Bauch rauschte mit ordentlichem Bums unten rum, wie er augenzwinkernd jeden wissen ließ, der es nicht wissen wollte. Was Roger wiederum hätte wissen müssen, dass auf nachtdunklen Straßen alle Aufmerksamkeit der Straße gehören sollte und nicht einem losgelösten Boxenkabel. Während er nämlich dieses rechterhand hinter dem Beifahrersitz zu ertasten versuchte und sich länger und länger machte, folgte die linke Hand am Steuer genau dieser Bewegung. Was unangenehme Folgen hatte.

Denn so gesellte sich zur defekten Fahrzeuginnenakustik genau in jenem Augenblick ein weiteres Problem, als der rechte Kotflügel des Oldtimers die Leitplanke touchierte, worauf Roger für ein paar hundert Meter schockgefror und erst nach dem Auftauen gegenlenkte. Für die rechte Seite war es da schon zu spät. Zierleisten weg, Lack auch, verbeult von vorn bis hinten. Roger sprang aus dem Benz und flippte aus. Dann fiel er auf die Knie. Mitten auf der Landstraße. Zur Niemandszeit zwischen Mitternacht und Dämmerung.

Doch Roger wusste instinktiv, dass er so nicht liegenbleiben konnte. Er wählte die Rufnummer eines Bekannten, womit das Drama endgültig dem Höhepunkt entgegensteuerte.

Heckflossenbenz (2)

Ledersitze, Lenkradschaltung, scheckheftgepflegt, Lack vom Allerfeinsten und unter der Haube ein Motor, der schnurrte wie ein Kätzchen. Roger war nicht stolz auf seinen Heckflossenbenz, er betete ihn an.

Ein Traum in Pink, Creme und Chrom. Gepaart mit seinem gewinnenden Äußeren, das entfernt an den gleichermaßen unvergleichlichen wie jungen Morris Day erinnerte, genoss Roger die mit einem Mal sich in schwindelnde Höhen schraubende Intensität der Zuneigungsbekundungen maximaleuphorisierter Damen, die allein angesichts seines prächtigen Geräts sehnsüchtig erzitterten …