Archiv für die 'Raouls Welt' Kategorie

Heckflossenbenz (5)

Nach dem dümmsten Autounfall der Menschheitsgeschichte hatte Roger tatsächlich die Chuzpe gehabt, seinen bei Höchstgeschwindigkeit vom Hänger gefallenen Heckflossenbenz erneut in die Werkstatt zu bringen. Und es dauerte nur ein paar Wochen, bis das eben noch maximalderangierte Mobil wieder in alter Schönheit erstrahlte.

Der Spaß kostete eine ordentliche Stange Geld, doch das hatte Roger, nachdem er seinen ahnungslosen Großvater um die Altersvorsorge gebracht hatte. Nichtsdestotrotz zog es ihn euphorisch wieder hinaus in die Welt, derweil der Autoreparateur unter Tränen seine Werkstatt bis in Höhe der Fensterbänke abdichten und mit Schaumwein volllaufen ließ, weil er soeben den Idiot des Jahrtausends ausgenommen hatte.

Und selbst eingedenk dieses Malheurs hätte alles gut werden können, hätte Roger die Sichteinschränkungen ernst genommen, die ein Glasauge so mit sich bringt. Was er nicht tat und deshalb bei einer Rechtskurve den kompletten Bestand der am Straßenrand angeordneten Fahrzeuge in Mitleidenschaft zog. Sein Glück vervollständigten knapp drei Dutzend Zeugen, die ihn mit flatternden Radkappen davonbrausen sahen.

Heckflossenbenz (4)

Matze rollte nach nicht mal einer dreiviertel Stunde an. Roger erkannte ihn sofort am himmelwärts zeigenden Fernlicht seines Kombis. Im Schlepptau: ein Fahrzeuganhänger. Trotz aller Katastrophen schien diese Nacht auf der gottverlassenen Landstraße doch noch ein gutes Ende zu nehmen.

Während Roger seine Hände über die Mulden und Hügel der rechtsverbeulten Karosserie streichen ließ, kurbelte Matze den Benz auf den Anhänger. “Wird schon wieder”, versuchte er Roger zu beruhigen, der erst wirklich ruhiger wurde, als Matze die Flasche mit Kaufhauswhisky rüberreichte. Roger setzte an und ließ laufen. Dann ging es besser.

Dazu gab es Brachialrock aus Matzes Soundsystem. Und wieder Kaufhauswhisky, was sie grölen und kopfschütteln ließ wie damals, als beide noch Brachialrockhaartrachten ihr Eigen nannten. Rock, Rock, Rock’n'Roll.

Und alles hätte gut werden können, hätte Matzes Kombi nicht plötzlich einen unmotivierten Satz nach vorn gemacht, der so unmotiviert gar nicht war. Was Matze und Roger erst gar nicht verstanden, dann aber um so mehr, als sie nach hinten schauten und den Heckflossenbenz auf der Landstraße liegen sahen, Beifahrerseite gen Nachthimmel.

Weil keiner daran gedacht hatte, das gute Stück auf dem Anhänger zu sichern.

Heckflossenbenz (3)

Roger war ein Meister in Backgammon. Was er allerdings nicht konnte, war Auto fahren

Aber Musik, cool, laut und tanzbar, Musik hören, konnte Roger sehr gut. Und damit das nicht nur vor seiner Heimstereoausrüstung geschah, sondern auch andernorts, spendierte er seinem abgöttisch geliebten Heckflossenbenz ein paar prächtige Boxen.

Die drapierte er so, dass der Sound gleichermaßen in Ohren wie Bauch rauschte mit ordentlichem Bums unten rum, wie er augenzwinkernd jeden wissen ließ, der es nicht wissen wollte. Was Roger wiederum hätte wissen müssen, dass auf nachtdunklen Straßen alle Aufmerksamkeit der Straße gehören sollte und nicht einem losgelösten Boxenkabel. Während er nämlich dieses rechterhand hinter dem Beifahrersitz zu ertasten versuchte und sich länger und länger machte, folgte die linke Hand am Steuer genau dieser Bewegung. Was unangenehme Folgen hatte.

Denn so gesellte sich zur defekten Fahrzeuginnenakustik genau in jenem Augenblick ein weiteres Problem, als der rechte Kotflügel des Oldtimers die Leitplanke touchierte, worauf Roger für ein paar hundert Meter schockgefror und erst nach dem Auftauen gegenlenkte. Für die rechte Seite war es da schon zu spät. Zierleisten weg, Lack auch, verbeult von vorn bis hinten. Roger sprang aus dem Benz und flippte aus. Dann fiel er auf die Knie. Mitten auf der Landstraße. Zur Niemandszeit zwischen Mitternacht und Dämmerung.

Doch Roger wusste instinktiv, dass er so nicht liegenbleiben konnte. Er wählte die Rufnummer eines Bekannten, womit das Drama endgültig dem Höhepunkt entgegensteuerte.

Heckflossenbenz (2)

Ledersitze, Lenkradschaltung, scheckheftgepflegt, Lack vom Allerfeinsten und unter der Haube ein Motor, der schnurrte wie ein Kätzchen. Roger war nicht stolz auf seinen Heckflossenbenz, er betete ihn an.

Ein Traum in Pink, Creme und Chrom. Gepaart mit seinem gewinnenden Äußeren, das entfernt an den gleichermaßen unvergleichlichen wie jungen Morris Day erinnerte, genoss Roger die mit einem Mal sich in schwindelnde Höhen schraubende Intensität der Zuneigungsbekundungen maximaleuphorisierter Damen, die allein angesichts seines prächtigen Geräts sehnsüchtig erzitterten …

Heckflossenbenz

Dank eines Artikels in einer populären Boulevardzeitung wurde Raouls Bruder über Nacht bundesweit berühmt. Dort war zu lesen, dass er es war, der seinen Großvater um rund dreißigtausend Mark erleichtert hatte.

Es war ihm gelungen, in dem er dessen Goldmünzensammlung verscherbelte. Und zwar peu a peu und zugleich hoffend, dass es dem Senior möglichst nicht auffallen möge. Was aufgrund der ab einem gewissen Moment nicht zu übersehenden Abgänge illusorisch gewesen war.

Raouls Bruder Roger war’s stets wichtig, dass sein Vorname anderen Herrschaften mit französischem Zungenschlag über die Lippen kam. Nach seinem Dafürhalten passte das besser zu seiner fremdfinanzierten Lebensart und all dem frankophonen Tand, mit dem er sich umgab, angefangen beim Dupont-Feuerzeug über das Lacoste-Shirt bis zum Saint-Laurent-Jäckchen. Was ignorante Zeitgenossen nicht davon abhielt, Roger nicht sanft schwingend “Rojschée”, sondern peitschenknallgleich “Rottscher” zu nennen, was dieser mit Augenrollen himmelwärts beantwortete. Was eine recht einseitige Angelegenheit war, da er seit frühen Kindheitstagen rechts ein Glasauge trug.

Manch einer scherzte gern über Roger, bezahlte seine Witzigkeit aber spätestens beim nächsten Spiel mit ihm. Roger war ein Meister in Backgammon und konnte mit Würfeln umgehen. Was er allerdings nicht konnte, war Auto fahren.

Sabine Best

Geschafft! Mit der neusten Werbekampagne für ein nicht näher genanntes Abführ- oder Abnehmmittel ist Raouls Agentur nominiert für den Blue Bembel 2010, den Marketingpreis der mittelhessischen Reklameinnung.

Aus der Begründung der Jury: “Eine Spitzenwerbung mit drei Typen und drei Girls inklusive Kräuterhexe Hildegard (hinten rechts) plus Silberrücken Zacharias ‘Zac’ Mannheimer als Sabine Best.”