Die frühen Morgenstunden, so die Wissenschaft, sind prädestiniert für ein wenig Zuneigung. Was Sabine zu schätzen wusste, und auch, dass Tassilo anschließend und aufforderungsfrei Frühstück im Bett bereitete.
Worauf das Idyll beinahe in die zweite Runde gegangen wäre, hätte das Zeugnis ihrer Liebe sanft träumend den Morgen verschlafen und plötzlich nicht im Türrahmen gestanden.
Was so oder ähnlich Boris nicht widerfuhr. Präpariert mit einem Blumenstrauß huldigte er seiner Erzeugerin, vergaß jedoch, vor dem Knicks einen Helm aufzusetzen. Worauf sie spekuliert hatte und rücksichtslos mit der gusseisernen Paellapfanne durchzog.
Kurz nach Neujahr 2007 versuchte sich meine damalige Nachbarin Sabine am Suizid, scheiterte jedoch auf den letzten Metern.
Anders zwei Herren, welchen mehr Glück zuteil wurde: Claus, der das Kunststück vollbrachte, sich mit einem Kopfkissen zu ersticken, und der unscheinbare, stille und stets blasse Herr Alfred, der mit gnädiger Unterstützung einer Narrenkappe seiner Existenz als national floraler Spaßwart ein Ende bereitete.
Unfreiwillig vom Hier und Jetzt verabschiedeten sich hingegen die russischen Stiernacken Vsevolod und Aleksandr sowie der Hotelier Ashley Soundso und Bruno, tragischer Jäger seines verlorenen Schatzes. Die einen infolge einer unglücklich verlaufenen Fahrzeugverfolgung im polnischen Wintermoor, die anderen bei hochsommerlichen Temperaturen in der Karibik zu Wasser und im Wasserbett. Wovon die albanischen Leiharbeiter Rezart und Shpend nicht einmal zu träumen wagten, als sie unlängst in einem Feuerball den Mainhattaner Hafen vorweihnachtlich illuminierten.
Nicht zu vergessen: Bettina Riemenschneider, Grand Dame des nordhessischen Ausdruckstanzes, deren finale Darbietung seenah im Spätsommer 2011 aufgrund eines im Sand vergessenen Starkstromkabels in einer funkensprühenden Schlusspirouette gipfelte.
Die gute Nachricht zuerst: Erregt vom mutmaßlich geilsten Gottesdienst in der Geschichte der evangelischen Kirche gelang es Tassilo, Sabine erneut beizuwohnen. Und das nach fast viermonatiger Abstinenz und auf Tassilos Drängen doppelt.
Nur auf den ersten Blick glücklich hingegen war Rezarts und Shpends Durchbruch ins Nachbarhaus, der bei genauerem Hinsehen zwar immer noch ein Durchbruch war, allerdings ins falsche. Was nicht die Energieleistung als solche infrage stellte, wohl aber die albanische Tradition des arbeitsauftaktpeitschenden Derwischtanzes …
Seitdem das Tanzquartett vom Erotic Tabledancing auf der gusseisernen Heißmangel Dienstagnachmittags zum Highheel-Ironing im Schaufenster bügeln, brummt die Reinigung von Fiedler & Goncorek wieder wie verrückt. Im Sekundentakt geht die Türklingel. Vor der Tür spielen sich unglaubliche Szenen ab. Herren mit Waschkörben, Textiltapeten und demontierten Autositzen rangeln um die besten Plätze.
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Die Sommerfrische bei den Schwiegereltern in der Schweiz haben Sabine und Tassilo weitgehend gut überstanden, sieht man einmal ab von der Kalamität auf einer Alm, bei der Tassilos Alphorn Opfer einer Jagdgesellschaft sehschwacher Senioren wurde, die ihm glücklicherweise nur einen Streifschuss verpassten.
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Henri ist weitgehend wiederhergestellt und kocht wie zu besten Zeiten. Im Service will Selma ihn trotzdem nicht sehen wegen der unvermittelt einsetzenden cholerischen Attacken wie jüngst, als er zwei Suppenteller (Consommé Célestine) auf dem Tisch eines verliebten Paares zerschmetterte, alle Gläser austrank und die im Kühler stehende Flasche erst ansetzte und dann durchs geschlossene Fenster in den Hof beförderte.
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Boris wäre gern in Urlaub gefahren, darf aber nicht, weil Mutti es verbot.
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Arno von Hippenstaal ist Vater geworden, weiß davon aber noch nichts, weil er angeblich in einem Studio auf Ibiza ohne Telefon einen enorm aufwendigen Remix produzieren lässt, und zwar aus dem exakt einen Song umfassenden Eurodance-Repertoire Femkes, die ihm ein Mädchen oder einen Jungen schenkte, was sie bislang selbst nicht so genau weiß.
Praktisch zeitgleich mit dem Moment, in dem Boris feststellte, dass die Steigung einer Seitenstraße unweit des Zoos ihm mehr abverlangte als er auf dem Liegefahrrad zu geben in der Lage war, entschied sich Tassilo an der Fischtheke eines Einzelhandelsgeschäfts in Spuckweite zur Alten Oper spontan für Entrecote.
Was nicht nur die Verkäuferin verwirrte, sondern auch Boris nicht half, der sich mit einem Mal im Rückwärtsgang inklusive zunehmender Beschleunigung befand und erst mittels der Auslageaufbauten eines türkischen Gemüseladens zum Stehen kam.
Während Tassilo beschwingt eine Fleischerei aufsuchte, um einige hundert Gramm zu erwerben, wechselten auf einem nur wenige Kilometer entfernten Bürgersteig fast ein dreiviertel Zentner Obst und Gemüse den Besitzer.