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Sport ist Mord (2 / Sechs Fuß drunter)

Selbstverständlich war ich bei Sonjas Beisetzung. Ich reihte mich ein in die Schar der Trauernden. Ist es nicht faszinierend, wie viele Figuren zu solchen Gelegenheiten auftauchen, um sich beim anschließenden Leichenschmaus mal wieder die Wampe vollzuhauen?

Noch bevor das Gerangel um Schnittchen und Schnäpse begann, wurde ich Zeuge einer Beerdigung, die in ihrer Würdelosigkeit auf Jahre nicht zu überbieten sein wird. Den Anfang machte der Pfaffe, ein angejahrter Demenzkandidat mit offensichtlicher Vorliebe zu vormittäglichem Alkoholmissbrauch.

Glasigen Blicks orgelte er durch die Trauerrede, nannte Sonja mehrfach Svenja und klammerte sich nach der finalen Silbe schweißnass an den Altar. Dann Bach vom MP3-Player: Jesus bleibet meine Freude. Obwohl Sonja seit ihrem 14. Lebensjahr keine Kirche mehr von innen gesehen hatte und selbst mit orthopädischen Schuhen nichts anfangen konnte.

Kaum war der Schlussakkord verhallt, betraten die vier Sargträger die Halle. Mindestens zwei waren noch voller als der Pfaffe. Was nicht groß ins Gewicht fiel, da die Vögel den Sarg nicht weit zu tragen hatten, sondern vor der Halle auf einen Anhänger packten, der von einem Minitraktor zur ewigen Ruhe geknattert wurde. Umnebelt von Verbrennungsgasen schlich die Trauergemeinde röchelnd hinterher.

Doch das Ende des Elends war längst nicht erreicht, da sich der Sarg beim Absenken im Loch verkeilte. Fluchend rüttelten die vier Vögel der Finsternis solange an den Seilen, bis das Möbel krachend in die Tiefe fuhr. Die letzten Worte des Pfaffen, der von einem Sargträger gestützt werden musste, gingen im Geknatter des abfahrenden Minitraktors unter …

Sport ist Mord

Erdge Schoss, erdgeschossrechts: Sport ist Mord
Vorn links: Sonja, die beim Joggen mit dem iDiot auf den Ohren in der Gemarkung “Am Rotzlöffel” (Eschersheim) das Hupen des Linienbusses überhörte.

Besser als nichts

Sonja schleppt sich durch die Tage und sortiert nach Phasen der Mittellosigkeit mittlerweile Zettel in der maroden Firma ihres Vaters. So kommt sie über die Runden, mehr schlecht als recht.

Zwei Kinder schleppt sie mit sich. Sie sind ihr im Weg. Klar, Mutterliebe und das Zeug. Lieber wäre sie frei, um Dinge zu tun. Aber da ist momentan nur Rudolf, ein ehemaliger Eishockeyspieler, den es auf Umwegen in die Firma verschlug und der jetzt seine Zeit absitzt. Kleine Intermezzi mit Sonja, bei der der Lack längst auch ab ist.

Mit Claus, der Sonja die Kinder machte, war es nichts. Seit einem Jahr ist er tot, die Kinder fragen immer noch. Also muss es mit Rudolf heimlich gehen. Aber eigentlich ist auch das nichts. Er ist dumm wie Brot und furzt beim Essen. Sonja mag das nicht, schweigt trotzdem. Sie meint, es ist besser als nichts.

Glauben will sie es trotzdem nicht und hofft noch immer. Auf irgendwas.

Apropos (Poppi)

Sonja, mit der ich vor einem halben Jahrzehnt herrliche Momente in Poppi feierte und die kurz darauf aus meinem Leben verschwand, begegnete ich unlängst wieder.

Müde sah sie aus, der Glanz ihrer Augen vergangen. Nach dem Tod des nichtsnutzen Claus, Vater ihrer zwei Kinder, war die knappe Kasse noch knapper. Weswegen sie seit einiger Zeit Zettel sortiert in der maroden Firma ihres Vaters und auf das Erbe hofft, solange es noch etwas zu verteilen gibt.

Schon damals hatten wir uns wenig zu sagen und ließen stattdessen unsere Körper sprechen. Geschichte. Nach zwei Sätzen war auch jetzt alles gesagt. Wären wir vernünftig gewesen, hätten wir uns auch die gespart. Immerhin: Poppi.

Der Claus

Der Claus ist tot. Mit dem Kopfkissen hat er sich erstickt. Eine Energieleistung sondergleichen, zu der er zeitlebens nicht fähig schien.

Erstmals brachte er zu Ende, was er angefangen hatte. Und das trotz der Knebel, die ihn bis zuletzt ans Bett fesselten. Wie er das schaffte, wird er wahrscheinlich nicht mehr erzählen.

Keiner Fliege

Dass Claus sich die Pulsadern aufschneidet, hat mich überrascht. Gut, seitdem seine Agentur auf Grund gelaufen war und er Privatinsolvenz hatte anmelden müssen, war er nicht mehr ganz so spendabel.

Aber das war er auch vorher nicht. Mit den Damen lief es dann nicht mehr so rund. Wobei er schon seit der Scheidung von Sonja etwas haltlos schien. Und dass ihn der Auszug aus dem Loft so mitnehmen würde, konnte keiner ahnen.

Jetzt hat er Zeit sich zu erholen in der Psychiatrie, vollgepumpt mit Medikamenten, die eine ganze Büffelherde zu Lämmern macht. Angegurtet wie er so daliegt, könnte er sowieso keiner Fliege etwas zuleide tun.